Die Kunst des Tillerns
Bogenbau 7 Min. Lesezeit 35 Aufrufe

Die Kunst des Tillerns

Wurfarme in gleichmäßige Biegung bringen

Erstmal bringt man provisorische Sehnenkerben (Tillerkerben) am Bogenrohling an ⚠️Nur an den Seiten des Rohlings, nicht auf dem Rücken Einkerbungen vornehmen Ich persönlich benutze dafür eine Fliesensäge Also an den Seiten beginnen und zum Bogenbauch hin, im 45°Grad Winkel die Fliesensäge führen Darauf achten das man an den Seiten nicht zu tief feilt Man feilt so tief wie der Durchmesser des runden Sägeblatts der Fliesensäge ist Man überprüft den Bogenrohling immer wieder im Bodentiller wie weit die Biegung vorangeschritten ist Wenn der Bodentiller keine neuen Informationen herausgibt wird es Zeit mit dem Tillern am Tillerbrett Zu diesem Zweck kann man ganz einfach einen stabilen Nagel an einem Balken anbringen oder man baut sich eine Tillerwand Auf einem Papierstreifen von 1m Breite und 2,1m Länge Zeichnen wir mit einem Filzstift die auf dem Foto dargestellte Skizze diese Skala auf An einer Dachlatte festgetackert Wird das Ganze in Augenhöhe an einer Wand befestigt Ein an der Decke festgedübelter Bügel dient zur Aufnahme des Bogens Am Boden wird eine kleine Umlenkrolle so befestigt dass sie genau vertikal unter der Mitte der Tillerskala steht Wir legen nun dem Bogen eine überlange Lose Sehne auf und platzieren ihn auf der Auflage Eine mit einem Haken versehene reißfeste Nylonschnur wird mittig an der Sehne eingehangen Das lose andere Ende um die Umlenkrolle geführt ermöglicht es uns das Biegeverhalten des Bogens aus der Distanz kontrolliert zu beobachten und zu beurteilen Durch ein erstes vorsichtiges Ziehen biegen wir den Stab circa 7cm und stellen fest dass er an den Enden zu 3/4 "stocksteif" ist Runter vom Tiller Mit einem Schweifhobel oder Ziehklinge wird nun Span um Span vom Bauch des Bogens abgeschabt Immer vorsichtig und nicht zu viel Abtrag geht immer Nur wieder anbringen geht nimmer Rauf auf den Tiller und prüfen Mit bedacht ziehen wir mit der Spannschnur bis über 2 (die seitliche Skala auf dem Foto ist gemeint) Ergebnis noch zu unbeweglich Wir wiederholen mehrmals diese Prozedur und nun beginnen beide Wurfarme sich langsam gleichmäßig zu biegen Genauer betrachtet weißt ein Wurfarm beim ziehen auf 2-3 eine zu starke Biegung auf Wieder runter vom Tiller Der untere Wurfarm ist durch die versetzte Griffzone ( gemeint ist der Englische Langbogen Mary Rose der asymmetrisch ist !) kürzer und dadurch steifer Weiterhin sachtes Reduzieren über die gesamte Bauchseitenlänge am unteren Arm Wenn das Gefühl stimmt nach mehrmaligen Ziehen an der Tillerschnur auf circa 15 cm und sich die Wurfarme ungefähr gleich biegen wechseln wir auf eine kürzere Sehne auf Der Bogen ist nun flach bespannt circa 7cm Zum ersten Mal überprüfen wir den Sehnenabstand am besten mit einem sogenannten "Checker" einer beidseitigen Skala in cm & Zoll Dieser erleichtert die Überprüfung die nun öfter durchgeführt werden muß Wir legen den entspannten Bogen mittig auf die Skala und übertragen die Messpunkte auf dessen Bauchseite Danach wird er wieder bespannt und mittig so aufgespannt dass sich die Sehne auf dieser Linie befindet Beim vergleichen der Maße muss die Distanz zwischen Sehne und Bauch an den verschiedenen Messpunkten am oberen Arm circa 2-3mm mehr betragen als am unteren Danach führen wir eine erste Seitenkontrolle durch indem wir über die Sehne auf die Bauchseite visierend ihren exakten mittigen Verlauf überprüfen Sollte in diesem Stadium ein Wurfarm eine seitliche Abweichung aufweisen in der Fachsprache "cast" so ist es jetzt früh genug darauf zu reagieren und im weiteren Verlauf des Tillerns zu korrigieren Dorthin wo ein Wurfarm seitliche abweicht ist das Holz zu schwach Also muss diesem Ungleichgewicht durch Materialabnahme an der entgegengesetzten Seite begegnet werden Sollte es nicht möglich sein mit der oben genannten Methode einen cast ganz auszugleichen so vertiefen wir zusätzlich die Sehnenkerbe auf der sich der Wurfarm neigt Es gibt verschiedeneGründe für Abweichungen dieser Art 1 eine ungenau angelegte Mittellinie 2 Unregelmäßigen Wuchs des Holzes 3 In den meisten Fällen liegt jedoch eine Ungenauigkeit bei der Bearbeitung vor Man neigt schnell als Rechtshänder dazu beim Bearbeiten des Bogenrohlings an der linken Seite des oberen und an der rechten Seite des unteren Wurfarmes zuviel Holz von der seitlichen Wölbung des Bauches wegzunehmen Erfolgt von Anfang keine Kontrolle der "Sehnenmitte" so kann es leicht passieren dass aufgrund der obengenannten Tatsache beim fertigen Bogen der untere Wurfarm eine Abweichung nach rechts und der obere eine Abweichung nach links aufweist Im bespannen Zustand bei der Draufsicht auf den Bauch beschreibt der Bogen dann eine zwar elegante jedoch "unqualifizierte " S-Kurve Was die Biegung der Arme in Zugrichtung anbelangt so ist folgendes zu beachten: Sollte bei einem Wurfarm eine Stelle auftreten an der er sich zu stark biegt so müssen wir diesen "Knick" sofort durch Materialreduktion an der Bauchseite davor und danach entlasten Steife Zonen werden durch Abtragung von Material über dieselben hinaus auslaufend geschwächt und somit in die Biegung miteinbezogen Zu diesen Vorgängen ist es wichtig zu wissen dass jede Materialreduktion sich auf das Biegeverhalten verzögert auswirkt Deshalb muss während des gesamten Tillervorganges durch wiederholtes immer mehrmaliges Ziehen an der Tillerschnur dem Holz Zeit gegeben werden " sich zu setzen" Bei zu hektischen Voranschreiten besteht die Gefahr dass sich die Vorgänge überholen das heißt man "schaukelt" den Bogen durch unüberlegt Aktionen in seinem Zuggewicht herunter Am Ende entsteht dann meistens ein Kinderbogen Jeden Handgriff gut überlegen fahren wir fort den flach bespannten Bogen auf dem Tiller mehr und mehr zu ziehen Wir beobachten aufmerksam sein Biegeverhalten und korrigieren Fehler immer bedenken dass sich jede Schwächung eines Wurfarmes auch auf das Verhalten des anderen auswirkt Dazwischen erfolgt laufend die Kontrolle des Sehnenabstandes und die Mittenkontrolle der Sehne Symbolisch könnte man den Tillervorgang mit einer Gratwanderung vergleichen Das heißt jeder Schritt muss gut überlegt werden! Je weiter wir fortschreiten desto feiner werden die Maßnahmen Bei einer Überprüfung stellen wir fest dass der Bogen von Hand auf circa 45cm gezogen schon einige Flexibilität aufweist Wir erhöhen nun den Sehnenabstand durch eindrehen der provisorischen Sehne auf circa 10cm Beim vergleichen der Messpunkte zeigt sich eine Differenz von 4-5mm vom oberen zum unteren Wurfarm Betrachten wir das Biegeverhalten auf dem Tiller so bestätigen sich diese Werte Im bespannten Zustand weist der obere Wurfarm eine deutlich stärkere Krümmung auf als der untere Beginnen wir jedoch den Bogen mit der Tillerschnur unter Spannung zu setzen so "arbeiten" beide Arme "synchron" Die Sehne verläuft exakt mittig über den Bogen Wird er jetzt entspannt so weist er über die ganze Länge eine leichte Krümmung zur Sehne hin auf Dies ist bei der Verwendung eines geraden Rohlings normal In der Fachsprache heißt das der Bogen hat sich gesetzt (set back) Bei einem Reflexen das heißt zum Splintholz hin gebogenen Stab wäre diese Biegung allerdings schwächer Wieder bespannt haben wir nach mehrmaligen Ziehen auf 2/3 der Auszuglänge ein "gutes" Gefühl" Hinsichtlich seines Gesamtauszuges scheint er uns jedoch um einiges zu stark Wir müssen hierbei allerdings bedenken dass durch das noch bevorstehende Schleifen eine Schwächung des Holzes über die gesamte Länge Eintritt Wichtig ist es auch den Bogen mit 3 bis 4 lbs mehr Zuggewicht auszustatten da er nach dem Einschießen an Kraft verliert Dies abwägend wird der ganze Bogen auf der Bauchseite mit Schleifpapier K 100 kräftig Überschliffen und die Kanten des Rücken leicht abgerundet Sollte sich der Zustand noch nicht geändert haben so wiederholen wir den Schleifvorgang Allerdings erst nach einer Kontrolle auf dem Tiller und anschließendem Vergleichen der Maße des Sehnenabstandes Nach nochmaligen Schleifen hat sich die Situation entspannt Ende
Thomas Willmes

Autor

Thomas Willmes

Bogenbaumeister · Seit 2009

Über 15 Jahre traditioneller Bogenbau aus Leidenschaft. Spezialist für englische Langbögen, historische Recurves und naturbelassene Selfbows aus edlem Holz.

Mehr über Thomas